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Präventionsportal >> Demographischer Wandel in der Arbeitswelt >> Ausgangslage

Nur wenige Unternehmen stellen ganz gezielt ältere Beschäftigte ein

Die Frankfurter Rundschau meldet am 25.08.04

Trotz Fachkräftemangel werden Stärken wie Erfahrung kaum genutzt / Wissenschaftler sehen keine Leistungsunterschiede zu den Jungen
VON MICHAELA BÖHM

In Zukunft wird es mehr ältere als junge Menschen geben. Unternehmen und Politiker müssen umdenken. In lockerer Folge beschäftigt sich die FR mit dem Thema Alte und Arbeitsmarkt. Heute: Warum es sich lohnt, gezielt erfahrene Kräfte einzustellen.
Frankfurt a. M. · 25. August · Flexibel, belastbar, mobil, leistungsfähig - so sieht der ideale Arbeitnehmer aus. Und er ist vor allem eins: jung. Wer über 50 ist, ist doppelt gestraft. Beim Personalabbau stehen Ältere ganz oben auf der Liste, bei Einstellungen ganz unten. Doch es gibt Ausnahmen:

Brose meinte es ernst mit dem Motto "Senioren gesucht". Der Automobilzulieferer im oberfränkischen Coburg suchte im vergangenen Jahr gezielt nach älteren, erfahrenen Kräften ab 45 Jahren. Gern auch älter. Acht Stellen waren zu besetzen. Die Resonanz auf die Anzeige war enorm: 1400 Bewerbungen gingen ein. Darunter auch viele Bewerbungen jüngerer Leute, die sich gedacht haben: In dem Betrieb muss ich keine Angst haben, "mit 40 auf der Abschussliste zu stehen", sagt die stellvertretende Personalchefin Esther Loidl.

Brose hat 40 über 45-Jährige eingestellt und alle sind noch an Bord. Lange Zeit beschäftigte auch der Hersteller von Fensterhebern und Schließsystemen für Autotüren nur junge Hochschulabsolventen - bis eine Untersuchung einzelner Abteilungen zu dem Schluss kam, dass Teams, die altersgemischt besetzt waren, effizienter zusammenarbeiteten als Arbeitsgruppen mit ausschließlich jungen, unerfahrenen Kräften.

Vieles passt nicht zusammen. Einerseits klagen Unternehmen darüber, dass ihnen Fachkräfte fehlen. Andererseits lassen sie das Potenzial älterer Arbeitnehmer brach-liegen. Nach einer Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind hier zu Lande nur 37 Prozent der 55- bis 64-Jährigen erwerbstätig. Damit rangiert Deutschland hinter Schweden, Japan, den USA, Dänemark, Großbritannien und Spanien. Wenn es um den Anteil der arbeitslosen Alten geht, ist Deutschland dagegen Spitze. Jeder Zehnte in dieser Altersgruppe ist ohne Job. Wer alt ist, ist auch länger arbeitslos als ein junger Mensch.

Was aber hindert Firmen daran, Leute mit viel Berufserfahrung einzustellen? Älteren fehlt der Drive, heißt es, sie ermüden schneller, halten Stress nicht gut aus, sind geistig unbeweglich, lernen nicht mehr so fix wie Junge und sind wenig motiviert, Neues anzupacken. Stimmt nicht, sagt Dr. Martina Morschhäuser vom Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken und beruft sich auf wissenschaftliche Untersuchungen. "Es gibt keine bedeutenden Leistungsunterschiede zwischen älteren und jüngeren Arbeitnehmern, wenn als Maßstab für Leistung das Ergebnis zugrunde gelegt wird." Wenn schon Leistungsunterschiede, dann wurden diese nicht zwischen den Generationen beobachtet, sondern innerhalb der Altersgruppen.

Ältere punkten vor allem mit Erfahrungswissen. Darin sieht auch Martin Kugel sei-nen Vorteil. Der Jurist ist seit 20 Jahren Syndikusanwalt in der Industrie. "Ich gehe abgebrühter in Verhandlungen mit Kunden oder Lieferanten." Kaum eine Strategie der Gegenseite, die er nicht schon erlebt hat. "Ich lasse mich davon nicht aus der Ruhe bringen." Unternehmen profitieren jedoch nicht nur vom Know-how. Die Älteren sind loyal, wechseln nicht mehr die Firma und geben ihr Bestes. Mehr noch: Hausbau, kleine Kinder - all die Gründe, die einen jungen Beschäftigten an längeren Auslandsaufenthalten oder Dienstreisen hindern könnten, sind für Ältere kein Thema mehr.

Martin Kugel hat den Absprung zu Brose gerade noch geschafft. Die Firma, bei der er zuletzt beschäftigt war, gibt es nicht mehr. Freilich - für den Job in Oberfranken muss der 48-Jährige pendeln, denn seine Familie wohnt in München. Das nimmt er in Kauf. Er ist zufrieden: "Es zeigt sich doch, dass künftig verstärkt erfahrene Mitarbeiter in der Industrie gesucht werden. Brose ist ein Trendsetter."

Da täuscht er sich. Gezielt ältere Arbeitnehmer einzustellen, ist ungewöhnlich. Die wenigen Beispiele - etwa der Supermarkt Netto in Berlin, das Ingenieurbüro Fahrion in Kornwestheim bei Stuttgart oder das neue BMW-Werk in Leipzig - sind einzig in den Medien und bei Wissenschaftlern zum Vorzeigen und als Studienobjekte beliebt. Brose hat zwar durch seine Anzeige enorm an Image gewonnen, der Geschäftsführer wird zu Talkshows eingeladen und Esther Loidl beantwortet am Telefon geduldig alle Fragen nach den Erfahrungen der Firma mit älteren Beschäftigten. Unter den vielen Anrufern war aber nur ein einziger Personalverantwortlicher. Der Rummel ist groß, Nachahmer gibt es jedoch so gut wie keine.
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Demographischer Wandel in derArbeitswelt

Ein Informationsdienst des hessischen RKW-Arbeitskreises "Gesundheit im Betrieb"
 

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